Eine Einladung in die Vergangenheit

Schön, dass Sie kommen konnten, hier an den Rödingsmarkt am Fleet. Mein Name ist Dietrich Moller. Bitte, kommen Sie doch herein, wie gefällt Ihnen das Haus? Meine Familie väterlicherseits kann man bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Es gibt allerdings zwei Familien mit dem Nachnamen Moller. Unsere Linie erhielt den Namenszusatz Moller vom Baum, während die andere Blutlinie Moller vom Hirsch genannt wurde. So wurde das Unterscheiden zwischen uns leichter. Dieses Haus ist vor vielen Jahren von meiner Urgroßmutter gekauft worden. Sie hat meinen Urgroßvater geheiratet, da war er schon ein gestandener Mann, sie war die zweite Frau und sehr jung. Mit seinen Kindern aus der ersten Ehe verstand sie sich nicht. So nutzte sie ihre Mitgift, um das Erbe am Rödingsmarkt zu erwerben, mit dem Fleet vor der Haustür. Ein gutes Grundstück, groß genug für ein prachtvolles Haus, nicht wahr. Es war sehr klug von Muhme Gertrud, denn so konnte sie ihre eigenen Kinder gut ausstatten. Ihr Stiefsohn Barthold wurde zwar ein berühmter Mann und ein großer Gartenerbauer und Bürgermeister der Stadt, aber das half ihren eigenen Kindern nicht. Urgroßmutters Klugheit legte den Grundstein für unser Vermögen. Mein Großvater Diederich erbte das Haus 1591 und wurde ein wichtiger Mann hier im Kirchspiel. Er heiratete in beste Kreise, aber blieb bescheiden. Anders mein Vater und sein Bruder. Vor allem mein Onkel Vincent! Er war Jurist, wie auch viele andere aus meiner Familie. Man könnte fast sagen, es ist eine Tradition, denn auch mein Bruder ist Jurist. Onkel Vincent hat in Heidelberg studiert und sein Glück in Bremen gemacht, als Syndikus und Ratsherr, während mein Vater ein wichtiger Mann im Tuchhandel hier in Hamburg war: Er leitete die Gilde der Tuchhändler, Wandschneider heißt das. Und er war Kapitän eines Bürgerregiments. Beide entschlossen sich, einen Adelsbrief zu erwerben, wurden also vom Kaiser in den höheren Stand erhoben. Wir tragen aber das „von“ nicht, denn das schickt sich in Hamburg nicht.

Anders als mein Onkel und mein Bruder tat mein Vater seine Pflicht für die Stadt. Er war im Kirchspiel tätig, als Geschworener, verantwortlich für alle Fragen der Glaubenspflege und der Armen von St. Nicolai. Er wurde auch gebeten, den Damen vom St. Johanniskloster, ehrwürdigen Jungfern aus besten Hamburger Familien, als Rechts- und Finanzberater beizustehen. Gerne ist er Klosterbürger geworden. Er dachte auch an mich: Diese Damen dürfen aus dem Stift wohl wieder austreten, um zu heiraten, aber es war keine für mich darunter. Das Heiraten ist mir nicht gegeben. Mein Vater ist zum Schluss noch Ratsherr geworden. Er sorgte sich um die Angelegenheiten der Stadt: den Bau der Wallanlagen, den Krieg gegen die Herzoge von Braunschweig-Lüneburg und auch den Bau und die Ausstattung unseres neuen Werk-und Zuchthauses, wo wir das bettelnde Gesindel unterbringen. Dort sollen sie mal arbeiten lernen, im Notfall mit Schlägen, denn arbeiten tun wir Moller vom Baum nun auch unser Leben lang! Mein Vater hat der Stadt 5000 Mark geliehen, um das Zuchthaus auszustatten, kurz vor seinem Tod.

Ich erbte das Haus schließlich im Jahre 1618, als mein geliebter Vater an einer schweren Lungenentzündung starb. Ich erinnere mich, dass ich noch Jahre danach um ihn getrauert habe. Er war zwar sehr streng gewesen, wenn es um Benehmen und meine Erziehung gegangen war, er war ein Freund eiserner Disziplin und sehr fromm, doch trotz allem war er ein äußerst liebevoller Vater, und ich vermisse ihn heute noch.
Ich bin im Sinne meines Vaters aufgewachsen, fest in der Stadt verankert. So konnte ich auch als Zweitgeborener das Haus erben. Mein Bruder nämlich, den hat es nach dem Studium beider Rechte in die Ferne getrieben: Er ist in Diensten des Kaisers Procurator am Hofkammergericht in Speyer.
Dort lernte er die wunderschöne Maria Catharina Claudiana Goll, die Tochter eines Kollegen Advokaten aus dem Elsaß kennen und heiratete sie.
So hat unsere Familie Flügel bekommen, die sie in alle Ecken des Reiches trägt. Ach, anders als mein Bruder habe ich beim Weibsvolk keine Freunde. Ich denke, kein ehrlicher Kaufmann wird an mich sein Töchterchen verheiraten, da ich nur der zweitgeborene bin. Sie befürchten einen Erbstreit um das Familiengut mit meinem Bruder: Und wer hätte nicht Angst, einen Erbstreit mit Vincent Moller vom Baum, dem Prokurator am Reichsgericht zu führen? So bleib ich nun allein. Um zu zeigen, was unsere Familie ausmacht, nämlich Glaube, Gerechtigkeit, Handelsglück und Bildung, habe ich das Portal errichten lassen. Nun sehen Sie doch mal, ob es zu uns passt!